Zur Gesetzgebung im Drunum Iderusum

oder: Von Säuferinnen, Wichsern und Hakennasen

Die Ritates Cipeni, das Gremium der „Ältesten Priester“, waren seit den Anfängen die Gesetzgeber und Gesetzeswahrer von Nemur. Ursprünglich waren die Mitglieder die Ältesten der sieben Priesterschaften und das Gremium bestand folglich aus sieben Ritates. Als das Drunum von Nemur sich über die iderusischen Städte ausbreite, wuchs mit den Priesterschaften auch das Gremium, bis es zur Zeit als Caisia Nemuria, Danita Calbuna und Nimea Veldina Ursatrices auf genau 300 Mitglieder angewachsen war.

 

Schon einige Jahrzehnte zuvor konnte man einen immer stärker werden Trend beobachten: Beinamen. Die Priester rekrutierten sich von Alters her aus einer geringen Auswahl alteingesessener Lautae, Familienklans. In jeder Stadt meist höchstens drei oder vier. Die Mitglieder nur mit dem Namen ihrer Lauta anzusprechen wurde zunehmend unmöglich, da die Posten meist von Mitgliedern von 20 oder 30 Lautae besetzt waren. Die traditionsbewussten Lautae benannten ihre Sprößlinge oft nach bedeutenden Vorfahren, dadurch waren im Adel bald nur knapp mehr als ein Dutzend Namen für Männer und Frauen im Umlauf. Somit wurde es schnell schwierig, zu unterscheiden welche Satia Sarvelia oder welcher Lard Beladrius nun genau welches Amt besetzte, welchen Gesetzesvorschlag eingebracht hatte und so weiter. Um diese Ungenauigkeiten zu überwinden, bediente man sich verschiedener Beinamen, die aufgrund körperlicher oder charakterlicher Eigenarten ihrer Träger diese genauer identifizierten. Die Geburtsstunde der iderusichen Beinamen.

 

In der von feindlichen politischen Lagern dominierten Umgebung der Ritates waren diese Beinamen meist derb und beleidigend: Rebor, „der Klumpfuß“, Rada, „die Krähe“, Mevilo, „der Fettsack“, Egenetrix, „die Viehtreiberin“, Moleto, „der Glatzkopf“, Quautrix, „die Säuferin“, Caicus, „der Wichser“. Ja, in diesem Gremium der altehrwürdigen Herren und Damen, ging es, oft nicht nur rein namentlich, nicht besser zu als in den Quaudrea der Unterstädte. Dass 20 Jahre bevor das Gremium die 300 Mitglieder erreichte, die Altersgrenze herabsetzt wurde, änderte daran auch nichts mehr.

 

Für die Nichtadligen, bei denen ähnliche Beinamen schon lange im Umlauf waren und teilweise auch ganz die Stelle von Vornamen erlangt hatten, kam es fast eine Demokratisierung gleich; für die Rechtsgelehrten und Historiker späterer Zeiten führte es zu dem ein oder anderen Schmunzeln, denn die Gesetze wurden feierlich und offiziell nach den Beinamen ihrer Antragssteller benannt: Das „Lavium Mevilonis“ (das „Gesetz des Fettsacks“) verbietet zum Beispiel das Befahren von innerstädtischen Straßen mit mehrachsigen Fahrzeugen zwischen Sonnenauf- und -untergang; das „Lavium Egenetricis“ (das „Gesetz der Viehtreiberin“) ermöglicht den männlichen Mitgliedern einer Lauta zu erben und bestimmte Ämter zu bekleiden (ein historisch sehr wichtiges Gesetz!); das „Lavium Veronis“ (das „Gesetz des Dummkopfs“) regelt die Ein- und Ausfuhrzölle für arroische Waren. Natürlich hätte auch das irgendwann zu unerwünschten Doppelungen geführt, aber da hatte man sich bereits an den derben Klang dieser Gesetzesnamen gewöhnt und so wurden zwar Gesetzesnamen komplexer, aber ohne dabei des Beinamens verlustig zu gehen: Das „Lavium Acione Adonis“ (das „Gesetz über das Heer der Hakenase“) ist beispielsweise das wichtigste Gesetz der Heersreform des Vel Ado Atelinus.